geschrieben von Dorothea Gängel  |  JAZZ ´N ´MORE – DAS SCHWEIZER JAZZ & BLUES MAGAZIN 1/2019

Frisch, frei und unbeschwert trällert Gisela Berndt auf ihrem zweiten Album aus der Mitte des Lebens. Dies ist aber nur der erste Eindruck. Wer genauer hinhört, entdeckt, wie wunderbar harmonisch diese Band aus Jazz-Pianist Gero Koerner, Bassist Werner Lauscher und Schlagzeuger Benedikt Hesse ihre Frontfrau begleitet. Berndts Texte sind poetisch, sie handeln von Abfahrt und Ankunft, von Wind und Sommerregen, vom Riss im Spiegel und einem leuchtend roten Ballon. Der Aufbau der Songs ist gekonnt und entbehrt nichts an Dramatik. „Nachtzug“ beginnt fast hypnotisch, die Worte bedeutungsvoll, nur mit Piano unterlegt. Ganz plötzlich geht der Song über in einen gefälligen LatinSound, der den Zug auf seiner Reise durch die Nacht begleitet. Dass die Band auch swingen kann, beweist sie bei „Im Kartenhaus“. Hier trifft leichtes und humorvolles Spiel auf einen tiefschwarzen, nahezu gesellschaftskritischen Text um die menschliche Gier. Ein eindringliches, atmosphärisches Werk, mal furchtlos kraftvoll, mal leise, fast verzagt. Den Schlusspunkt setzt der Bonustrack „Some Kind of Face Blind“. Melodische Erzählung trifft subtiles Pianospiel – bis das Schlagzeug beinahe erlösend die Spannung aufhebt. Ein besseres Ende hätte man nicht wählen können!